| Description:
| © Neue Zürcher Zeitung am 26.11.2007
Multidisziplinär vernetzte Umweltwissenschaft
Swiss Experiment - die Schweizer Alpen als Hightech-Labor
Spezialisten aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen schliessen sich zusammen, um die
Auswirkungen der Klimaveränderungen in den Alpen unter anderem dank einem engmaschigen
Netzwerk von Sensoren besser messen und interpretieren zu können. Swiss Experiment heisst das
Projekt. Es wurde dieser Tage an der ETH Lausanne vorgestellt.
Wie lassen sich künftige Auswirkungen des Klimawandels möglichst frühzeitig abschätzen? Und wie
lässt sich sicherstellen, dass aus der Fülle der bereits heute in Instituten, Ämtern und Labors
eingehenden Umweltdaten genau jene Messwerte zu jenen Nutzern in wissenschaftlichen
Einrichtungen oder staatlichen Behörden gelangen, welche diese für ihre Arbeit brauchen? Zum einen
benötigen Umweltwissenschafter für ihre prognostische Arbeit zwar noch viel mehr Daten, als ihnen
schon heute zur Verfügung stehen. Zum anderen aber ist die Fülle an Messwerten von Temperatur,
Luftfeuchtigkeit, Niederschlägen, Bodenfeuchtigkeit, Luft- und Wasserqualität, Windrichtungen und -
stärken oder Strahlung, welche die bereits existierenden Messstationen liefern, derart gewaltig, dass
eine gezielte Selektion und Auswertung immer schwieriger wird. Dem wollen Spezialisten aus
verschiedenen Wissenschaftsbereichen mit dem Projekt Swiss Experiment Abhilfe schaffen. Am
Freitag wurde es an der ETH Lausanne den Medien vorgestellt.
Konzentration auf die Alpen
Swiss Experiment ist ein unter anderem vom Nationalfonds unterstütztes interdisziplinäres Projekt,
das Spezialwissen aus den Bereichen Umwelt, Informatik, Informationsmanagement und
Kommunikationssysteme verbindet, wie Marc Parlange von der ETH Lausanne erklärte. Seine drei
Aufgaben sind das Gewinnen, die Verarbeitung und die Auswertung von Daten. Es konzentriert sich
auf die Alpengegend, weil dort die klimatischen, atmosphärischen und sozioökonomischen
Veränderungen ausgeprägter sind als im Flachland. Mit engmaschigen Netzen neuer, drahtlos
miteinander kommunizierender terrestrischer Sensoren sollen möglichst viele Informationen
gewonnen werden.
Dank besseren Messwerten werden präzisere Prognosen für Hochwasser, Lawinen oder Erdrutsche
möglich sein, wie Michael Lehning vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos (SLF) an
der Medienkonferenz sagte. Die zusätzlichen Daten und deren Verarbeitung trügen sowohl zur
Sicherheit der Bevölkerung als auch zur besseren Dokumentation der Umweltveränderungen bei.
Wo die Idee geboren wurde
Das SLF ist wie das Eidgenössische Wasserforschungsinstitut Eawag und die beiden
Eidgenössischen Technischen Hochschulen wissenschaftlicher Partner des Projekts. Geboren wurde
die Idee dieses interdisziplinären Projekts im Kompetenzzentrum Umwelt und Nachhaltigkeit des ETHBereichs.
Swiss Experiment will seine Daten als eine Art «Science Wikipedia» grundsätzlich allen
verfügbar machen. «Mit dieser Zusammenarbeit sowie dieser Informationstechnologie werden wir alle
in unserer Forschung wesentliche Fortschritte machen können», ist sich Domenico Giardini, Direktor
des Kompetenzzentrums, sicher.
Mit dabei ist auch der Software-Gigant Microsoft. Tony Hey, Vizepräsident für externe Forschung bei
Microsoft, erklärte in Lausanne, dass das sinnvolle Management riesiger, auf zahllose Computer
verteilter Datenmengen zu einer zentralen Aufgabe in der Wissenschaft geworden sei. Sein
Unternehmen stelle sich der Herausforderung, vorselektierende Datenbasen zu erstellen, aus denen
man Informationen innert kürzester Zeit nach individuellen Kriterien abrufen könne. «Wir unterstützen
dieses Projekt, um mit Hilfe der aufstrebenden Sensornetzwerktechnik und mit einer Plattform zum
Erfahrungsaustausch Lösungen zum Problem der Klimaerwärmungen zu finden», wird Hey in einem
an der Pressekonferenz verteilten Text zitiert. - Man arbeitet an einer IT-Plattform, über welche die
Messdaten Forschergruppen aus der ganzen Schweiz, aber auch den Behörden und der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden. Denn, so Karl Aberer, Direktor des nationalen Forschungsschwerpunkts
Mobile Informations- und Kommunikationssysteme, für Forschende wird es immer schwieriger, die
Menge der Datenquellen und Datenverarbeitungsinstrumente zu überblicken und zu verwalten. Lokale
und regionale Behörden hätten aus Gründen der Katastrophenprävention ebenfalls ein Interesse
daran, möglichst präzise Informationen in Jetztzeit abrufen zu können. Und auch die Bevölkerung soll
nach dem Willen der Schöpfer des Swiss Experiment eingebunden und für klimatische Fragen
sensibilisiert werden.
Bereits im vergangenen Sommer und Herbst hatten Forscher der ETH Lausanne während dreier
Monate entlang der Dranse, eines Nebenflusses der Rhone im Unterwallis, zwei Netzwerke mit
drahtlos miteinander kommunizierenden Sensoren eingerichtet, die Sonneneinstrahlung, Windrichtung
und -geschwindigkeit, Luft und Oberflächentemperatur, den Wasserdruck im Boden sowie die
Bodenfeuchtigkeit und den Abfluss des Wassers bei Regen massen. Die Walliser Behörden hatten die
Standorte in den Gebieten des Génépi und des Grossen St. Bernhard vorgeschlagen, weil der noch
unerforschte Fluss immer wieder Überschwemmungen verursachte und im Juli 2006 zum Beispiel die
Gleise der Strecke Martigny-Orsières unterspülte und einen Zug entgleisen liess.
Schneedynamik verstehen lernen
Im kommenden Frühling soll das Netzwerk wieder errichtet und über weitere Teile des Wallis
ausgedehnt werden. Bereits im Winter ist ein Einsatz in der Landschaft Davos vorgesehen, damit man
die Schneedynamik besser versteht. Dabei werden 12- bis 14-jährige Schulkinder aus Graubünden
und dem Wallis die Forscher bei der Einrichtung der drahtlosen Sensoren unterstützen: Nachhaltiger
könnte man das neue Netz, das im Laufe der Jahre über das gesamte Gebiet der Alpen gelegt
werden soll, kaum in der Bevölkerung verankern.warning.pngString representation © Neue Zürcher Zeitung am 26.11.2007
M […] n soll, kaum in der Bevölkerung verankern. is too long.
|